Eine Mama erzählt – Wenn das Kind unter dem Herzen stirbt

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Eine Mama erzähltWenn das Kind unter dem Herzen stirbt

LUXEMBURG – Eine junge Mutter aus Luxemburg musste ihr Kind tot zur Welt bringen. Mit ihrer Geschichte will die 28-Jährige Betroffenen Mut machen.

«Es gibt nichts Schlimmeres, als sein Kind zu verlieren», sagt Patricia* (28) unter Tränen. Vor wenigen Wochen musste sie einen schweren Schicksalsschlag verkraften. Sie hat ihr Baby in der 30. Schwangerschaftswoche tot zur Welt gebracht. Um anderen Frauen, die dasselbe Schicksal erleiden, zu zeigen, dass sie nicht alleine sind, hat sie uns ihre Geschichte erzählt. Zumal am 15. Oktober der Tag der Sternenkinder ist. In Luxemburg gab es 2019 85 solcher Fälle (69 Babys starben vor der Geburt, 16 in der ersten Woche nach der Entbindung).

Im November vergangenen Jahres wurde Patricia zum zweiten Mal mit einem Wunschkind schwanger. Bis zur 23. Schwangerschaftswoche verlief die Schwangerschaft ohne Komplikationen. Doch dann sei ihr und ihrem Partner an dem Tag der Boden unter den Füßen weggerissen worden. «Ihr Kind ist sehr, sehr krank», sei der Wortlaut der Gynäkologin gewesen. Woran genau ihr Sohn litt, konnte ihr zu diesem Zeitpunkt niemand sagen, nur so viel: Es sei sehr viel Flüssigkeit im Hirn, das Herz sei angeschlagen und man sehe deutliche Fehlbildungen. Anschließende Untersuchungen ergaben, dass auch die Nieren und die Nabelschnur von der Krankheit betroffen waren.

«Wir suchten einen Schuldigen, aber es gab keinen»

Damit Patricia Antworten auf ihre Fragen bekommt, wurde in der 24. Schwangerschaftswoche eine Fruchtwasserpunktion durchgeführt. Als die Ergebnisse drei Wochen später vorlagen, habe ein Genetiker dem Paar aus Luxemburg erklärt, ihr Kind leide unter einer kompletten Form der Trisomie 9 – Betroffene sind sensorisch und motorisch schwer behindert. «Weltweit gab es rund 50 dieser Fälle. Wir fragten uns: ‹Warum? Warum passiert das uns?› Wir suchten einen Schuldigen, aber es gab keinen.»

Der 28-jährigen Mutter wurde erklärt, dass ihr Kind – sollte sie die Schwangerschaft bis zum Schluss durchziehen – sofort auf die Palliativ-Station müsse und nur einige Stunden leben würde. «Ich habe lange überlegt, was ich tun soll und habe jeden Tag geweint», versetzt sie sich in die Situation zurück. «Aber ich wollte nicht ein Kind nur wegen meines Egos auf die Welt bringen – und das auch noch im Wissen, dass es die paar Stunden, die es hat, leiden wird.»

«Mein Kind wurde in meinem Bauch zum Stern»

«Auf einmal musste ich die Beerdigung meines Wunschkindes planen, entscheiden ob es beerdigt oder eingeäschert wird», beschreibt Patricia ihre unvorstellbare Lage. Sie habe sich sofort psychologische Hilfe geholt.

Am 17. Mai, in ihrer 30. Schwangerschaftswoche, hat Patricia dann ihr Baby entbunden. «Mein Kind wurde in meinem Bauch zum Stern», erinnert sich die 28-Jährige an den Tag, vor dem sie eine unfassbare Angst hatte. Ihrem kleinen Sohn musste vor der Geburt das Leben genommen werden. Dennoch hatte sie beschlossen, dass sie die kurze Zeit, die sie mit ihrem Sohn hat, in Bildern und vielen Detailfotos festhalten möchte. Erst am Abend vor der Entbindung habe sie vom Verein Stärekanner** erfahren und die Fotografin Martine Pinnel sofort kontaktiert. «Ich dachte es sei viel zu kurzfristig, aber Martine war da und sie hat mir meinen Wunsch erfüllt.»

Nach der Geburt und dem Shooting durfte Patricia noch Zeit mit ihrem verstorbenen Baby verbringen. «Es klingt vielleicht komisch, aber ich habe noch sehr viel mit ihm geredet, ihm all das gesagt, was mir auf der Seele brannte», erklärt sie mit bedeckter Stimme. Als sie das Krankenhaus verließ, musste die junge Mutter sich endgültig verabschieden. «Ich habe diesen Raum verlassen und war komplett leer – innen und außen.» Ihr bleiben lediglich die Erinnerung und Fotos. Patricia wird auch weiterhin psychologisch betreut, um ihren Verlust zu verarbeiten.

*Name wurde von der Redaktion geändert

(Liz Mikos/L'essentiel)

Martine Pinnel (33) hat den gemeinnützigen Verein Stärekanner gegründet, um Menschen mit ihrer Fotografie zu helfen. Ihre Mission ist es, Eltern von Sternenkindern Erinnerungen zu schenken. Auf ihrer Website sollen Betroffene künftig eine Plattform bekommen, auf der sie ihre Geschichten erzählen können.

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