Gaddafi-Dämmerung – Wenn Diktatoren am Ende sind
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Gaddafi-DämmerungWenn Diktatoren am Ende sind

Nach knapp 42 Jahren nahezu absoluter Herrschaft ist Muammar Gaddafi faktisch entmachtet worden. Wenn Despoten fallen, geht es selten gesittet zu und her.

Tripolis am 23. August 2011: Rebellen kontrollieren weite Teile der libyschen Hauptstadt; Muammar Gaddafi dürfte sich in einem Bunkersystem unter den Ruinen seiner Residenz Bab al-Asisija verstecken.

Vor fast 42 Jahren putschte er sich an die Macht – nun ist die Herrschaft des erratischen Revolutionsführers nach einem monatelangen, blutigen Bürgerkrieg faktisch beendet.

Schlüsselmomente des Machtverlusts

Es gibt diese Schlüsselmomente des Machtverlusts; jene Augenblicke, in denen unvermittelt klar wird, dass nichts mehr so ist, wie es vorher war. Bei Gaddafi war es vielleicht jener skurrile Fernseh-Auftritt am 22. Februar 2011, als er in einem Auto sitzend und einen Regenschirm in der Hand haltend 22 wirre Sekunden lang zu seinem Volk sprach (siehe Video unten). Zwar dauerte es danach noch ein halbes Jahr, bis Gaddafi die Kontrolle endgültig verlor, doch die verwackelten TV-Bilder schienen das Ende des Diktators regelrecht anzukündigen.

Nicht immer ist eine Kamera dabei, wenn Entscheidendes geschieht. Am 17. Oktober 1989 um 10 Uhr betrat Erich Honecker gut gelaunt den Sitzungssaal des SED-Politbüros in Ost-Berlin. «Gibt es noch Vorschläge zur Tagesordnung?», fragte der starke Mann der DDR routinemässig, worauf Ministerpräsident Willi Stoph sagte «Erich, es geht nicht mehr. Du musst gehen.»

Mit Honeckers Entmachtung, der bald darauf der Sturz des SED-Regimes und schließlich der Untergang des zweiten deutschen Staates folgten, reagierte das Politbüro auf die Krise der DDR, die der kranke Parteichef kaum wahrzunehmen schien. Der sture alte Mann machte für alle Probleme des maroden Arbeiter- und Bauernstaates «äußere Kräfte» verantwortlich; noch Anfang Oktober hatte er bei der 40-Jahr-Feier der DDR Gorbatschows sinngemässe Mahnung, wonach das Leben jene bestrafe, die zu spät kommen, in den Wind geschlagen. Honecker entkam nach seiner Entmachtung durch seine Krankheit dem Zugriff der Justiz und starb am 29. Mai 1994 verbittert im chilenischen Exil.

Erst Pfiffe, dann Schüsse

Bedeutend weniger glimpflich verlief der Machtverlust für Honeckers sozialistischen «Bruder» in Rumänien: Nicolae Ceausescu wurde zusammen mit seiner Gattin Elena am 25. Dezember 1989 in Targoviste von einem Militärtribunal im Schnellverfahren zum Tode verurteilt und zehn Minuten danach erschossen. Die verwackelten Videobilder des improvisierten Prozesses gingen um die Welt.

Der Schlüsselmoment, in dem die Macht des «Conducators» für alle ersichtlich zu zerbröseln begann, lag da bereits einige Tage zurück: Kurz nachdem es im westrumänischen Timisoara zu einem Aufstand gekommen war, hatte Ceausescu am 21. Dezember vom Balkon des Zentralkomitees in Bukarest zu seinem Volk gesprochen. 100 000 Menschen jubelten ihm zuerst wie üblich zu, bis plötzlich Buhrufe und Pfiffe ertönten. Dem fassungslosen Diktator entglitten vor laufenden Kameras Stimme, Mimik – und schließlich die Macht. Nur noch die Securitate, der verhasste Geheimdienst, hielt dem «Genie der Karpaten» die Treue. Die Armee schlug sich auf die Seiten der Aufständischen und nahm die Ceausescus gefangen, als sie in einem Schützenpanzer außer Landes fliehen wollten.

Tobsuchtsanfall im Führerbunker

Der Realitätsverlust der Machthaber nimmt mitunter groteske Formen an. Ein berüchtigtes Beispiel dürfte Adolf Hitler sein, der im April 1945 im Bunker der Berliner Reichskanzlei nicht mehr vorhandene Divisionen an die Front befehligte, während die Rote Armee die Hauptstadt des «Großdeutschen Reiches» einkesselte. Der gesundheitlich angeschlagene «Führer» schwelgte bis zuletzt in Vernichtungsphantasien, die sich am Ende gegen Deutschland selbst richteten: Am 19. März schon hatte Hitler den sogenannten «Nero-Befehl» unterzeichnet, der die Zerstörung von allem vorsah, was den alliierten Truppen hätte von Nutzen sein können. Nur wenig wurde davon umgesetzt, da Rüstungsminister Albert Speer den Befehl sabotierte.

Hitlers Schlüsselmoment war vielleicht der 22. April, als er bei der Lagebesprechung im Führerbunker erfuhr, dass ein von ihm befohlener Angriff gar nicht stattgefunden hatte. Der «Führer» erlitt einen Tobsuchtsanfall (der in dem Film «Der Untergang» von Bruno Ganz so eindrücklich in Szene gesetzt wurde, dass es heute zahllose Parodien auf YouTube gibt) und sprach erstmals davon, dass der Krieg verloren sei. Am 30. April brachte er sich mit seiner frisch angetrauten Lebensgefährtin Eva Braun um.

Von Partisanen erschossen

Hitlers Verbündeter Benito Mussolini dagegen beging nicht Selbstmord, wurde dafür aber gleich zweimal entmachtet. Der erste und entscheidende Machtverlust ereignete sich bereits am 25. Juli 1943, als der «Duce» vom Grossen Faschistischen Rat abgesetzt wurde. Anlass dafür war die Landung der Alliierten auf Sizilien. Mussolini wurde verhaftet und interniert. Als Italien sich im September 1943 auf die Seite der Alliierten schlug, besetzte die Wehrmacht das Land und Mussolini wurde in einer spektakulären Aktion von deutschen Fallschirmjägern befreit. Danach durfte der «Duce» noch bis zum April 1945 als Präsident der faschistischen Republik von Salò in Norditalien amtieren – als Marionette der Deutschen. Auf seiner Flucht in die Schweiz wurde Mussolini am 27. April in Dongo am Comer See von Partisanen der 52. Garibaldi-Brigade erkannt, gefangen genommen und tags darauf zusammen mit seiner Geliebten Clara Petacci erschossen. Ihre Leichen stellte man in Mailand zur Schau.

Dem irakischen Diktator Saddam Hussein gelang es nach dem Einmarsch der US-Truppen im März 2003 zunächst unterzutauchen. Kurz vor dem Fall des Regimes nahm er noch ein Bad in der Menge (siehe Video ganz unten), während sein als «Comical Ali» bekannter Informationsminister Muhammad as-Sahhaf Pressekonferenzen abhielt, bei denen er von der vernichtenden Niederlage der Amerikaner schwadronierte.

Doch Saddams Leben im Untergrund währte nicht lange. Am 13. Dezember 2003 wurde er von US-Soldaten in der Nähe seiner Geburtsstadt Tikrit aus einem Erdloch gezerrt – mit wirren Haaren und einem Vollbart. Wegen Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und weiteren Anklagepunkten wurde Saddam Hussein zum Tode verurteilt und am Morgen des 30. Dezember 2006 gehängt. Entgegen der offiziellen irakischen Darstellung wurde der einstige Schlächter auf seinem letzten Gang von seinen Henkern lautstark beschimpft.

Tod im Mercedes

Im Gegensatz zu dem glücklosen irakischen Ex-Diktator gelang es Anastasio Somoza Debayle, einem Musterbeispiel des skrupellosen lateinamerikanischen Gewaltherrschers, Nicaragua bei seinem Sturz 1979 rechtzeitig zu verlassen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er das Land schamlos ausgeplündert. Einen Aufstand der linksgerichteten Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) liess er 1978 mit Panzern, Artillerie und Luftangriffen niederschlagen; 5000 Tote und 10 000 Verletzte waren die Folge dieses Kriegs gegen sein eigenes Volk. Im gesamten Bürgerkrieg starben etwa 30 000 Menschen.

Schließlich ließ US-Präsident Jimmy Carter Somoza fallen. Der Diktator nahm bei seiner Flucht nach Florida neben der Staatskasse auch die Särge seines Vaters und seines Bruders mit. Doch ein Jahr später ereilte ihn das Schicksal in Asunción, der Hauptstadt Paraguays, wo er Asyl erhalten hatte: Ein Kommando der argentinischen Revolutionären Volksarmee (ERP) erschoss ihn in seinem ungepanzerten Mercedes.

Wenn ihnen die Macht aus den Händen gleitet, klammern sich manche Diktatoren erst recht an Amt und Würden – und erkennen nicht, dass ihre Zeit abgelaufen ist. So erging es auch dem langjährigen ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak, der noch am 10. Februar 2011 in einer Fernsehansprache verkündete, er werde bis zum Ende seiner regulären Amtszeit im Amt bleiben. Am nächsten Tag musste er zurücktreten.

Video: Gaddafis TV-Ansprache vom 22. Februar 2011

L'essentiel Online/Daniel Huber

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