Klima-Trickser – Wenn Ingenieure Gott spielen
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Klima-TrickserWenn Ingenieure Gott spielen

Einer düngt das Meer mit Eisensulfid, damit Algen wachsen, die CO2 binden. Ein anderer will mit Chemie in der Luft Sonnenstrahlen abwehren. Doch «Geo-Engineering» kann irreparable Folgen haben.

Die bisherigen Klima-Konferenzen haben vor allem eins bewiesen: Zwischen den traditionellen Industrienationen und ökonomisch aufstrebenden Staaten ist kein Konsens hinsichtlich der Reduzierung von Treibhausgasen in Sicht. Während sich die Politiker in Ost und West dafür gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben, arbeiten Stiftungen und Privatpersonen an pragmatischen Lösungen, wobei einige die Büchse der Pandora öffnen könnten.

Das Zauberwort heißt «Geo-Engineering». Doch wie kann man durch den großflächigen Einsatz von Technik oder Chemie die Klimaerwärmung in den Griff bekommen? Hier haben sich zwei Schulen gebildet: Die einen wollen Sonnenstrahlen beeinflussen, die anderen wollen CO2 binden. Letzteren Lösungsansatz verfolgt auch Russ George: Der US-Geschäftsmann hat gerade mitgeteilt, dass er vor der Küste Kanadas 120 Tonnen Eisensulfid in den Fluten 370 Kilometer vor der Insel Haida Gwaii versenkt hat.

Ausgerechnet die Chemiekeule soll den Patienten Weltklima wieder fit machen: Diese «Düngung» habe bereits zu einem vermehrten Algenwachstum geführt, das wiederum CO2 aus der Luft binden soll. Die Aktion im Juli, die erst jetzt publik wurde, sorgt unter Wissenschaftlern für erregte Diskussionen um das Für und Wider der Methode. Die Kosten von 2,5 Millionen Dollar tragen die Bewohner von Haida Gwaii, die so ihre Fischgründe aufwerten wollen, schreibt das Newsportal «Canada».

Früher Verklappung, heute Umweltschutz

Die Idee von der Meeresdüngung ist nicht neu: 2007 versuchte George bereits etwas Ähnliches vor den Galapagos-Inseln. 2009 versenkte das deutsche Forschungsschiff «Polarstern» sechs Tonnen Eisen im Südatlantik: Dabei wurde laut «Spiegel» jedoch nur wenig CO2 von den Algen gebunden, das sie nach ihrem Absterben mit sich in die Tiefe nehmen, wo das Gas unter hohem Druck gespeichert wird. Die Kieler haben damals ein 300 Quadratkilometer großes Gebiet gedüngt. Zum Vergleich: Bei George hat der Algenteppich eine Größe von 10 000 Quadratkilometer erreicht.

Nicht nur Ozeane wollen Forscher düngen, auch die Luft könnte mit Chemie zum Abkühlen der Erde genutzt werden, wenn es nach Hugh Hunt geht. Der Ingenieur der Universität Cambridge arbeitet an dem Programm «Stratospheric Particle Injection for Climate Engineering» (SPICE) mit. Der Ausbruch eines philippinischen Vulkans hat sie inspiriert: Als der Pinatubo 1991 Millionen Kubikmeter Schwefeldioxid in die Atmosphäre blies, sank die Temperatur weltweit um einen halben Grad.

Up, Up and Away

Hunts Idee: Ein Ballon steigt in die Stratosphäre auf und entlässt dort über einen Schlauch entsprechende Gase, die dann das Sonnenlicht partiell zurückwerfen und so für Kälte sorgen. «Wir gehen von 10 Millionen Tonnen Schwefeldioxid pro Jahr aus», sagte der Ingenieur dem «Deutschlandfunk». So könnten zwei Grad gutgemacht werden, wobei die Wissenschaft die Uhr aber auch nicht zurückdrehen kann.

«Man kann mit dem Geo-Engineering nicht ein vormals vorhandenes Klima wieder herstellen. Das heißt, selbst wenn man einen der Klimaparameter wie zum Beispiel die Temperatur auf ein vorheriges Niveau bringt, verändert man andere Parameter des Klimasystems.» Es ginge ihm vor allem darum zu testen, ob ein Ballon überhaupt mit 50 Schläuchen 20 Kilometer in die Luft gehen kann.

Doch aus Hunts «Pfusch in den Wolken» («Zeit») wurde nichts: Im Mai 2012 scheiterte laut «Guardian» ein geplanter Test, bei dem Wasser versprüht werden sollte, an ungeklärter Patentfragen – und wohl auch an der Verwirrung in Politik und Gesellschaft.

UN ist vorsichtig, Kritiker skeptisch

Denn die Klima-Kur hat unerwünschte Nebenwirkungen. So greifen die Aerosole des Schwefeldioxids die Ozonschicht an, die uns vor schädlicher UV-Strahlung schützt. Und: Auch wenn in der Stratosphäre kein Regen fällt, kommt die Chemie irgendwann auch wieder herunter. Nicht zuletzt widersprechen solche Projekte geltenden UN-Konventionen, betont der «Guardian».

Kritiker monieren nicht nur, dass der Einsatz von Chemikalien zu wenig erforscht und unumkehrbar ist, sondern befürchten auch, dass keine Regierung mehr Treibhausgase einspart, wenn sie sich «freikaufen» kann.

Experimentieren muss erlaubt sein

Ganz verschließen sollten wir uns neuen Techniken aber nicht, fordert David Keith. «Es gibt drei fundamentale Optionen: Emissionen drücken, an den Klimawandel anpassen und solares Geo-Engineering, um ins Klimasystem einzugreifen und die Auswirkungen von angehäuften Emissionen zu reduzieren», fasst der Ingenieur der Harvard Universität Calgary gegenüber «Forbes» zusammen.

Zuerst müssten «die Chancen und Risiken» verstanden werden, bevor «ganz allmähliche, sorgfältig überwachte» Versuche gemacht werden könnten. Sonnenstrahlen könnten bereits im Weltraum abgelenkt werden, so eine Idee. «Das nimmt dir das Umweltrisiko, das durch Einleiten von Substanzen in die Atmosphäre entsteht», so Keith. «Aber ich bezweifle, dass diese Vorteile die hohen Kosten und die Unflexibilität aufwiegen.»

Es geht auch ohne die Chemiekeule

Andere, «sanfte» Methoden des Geo-Engineering kennt die Schweiz bereits. Während hierzulande Gletscher im Sommer mit Planen vor der Sonne geschützt werden, greifen Menschen in Südamerika zu Farbe und Pinsel, um dunkle Flächen weiß zu streichen, damit die die Strahlen reflektieren. Der klassische Weg: Durch Aufforstung könnte Kohlendioxid in Biomasse gebunden werden.

Last but not least gibt es eine Methode vor, für dessen Erforschung «Microsoft»-Mogul Bill Gates viel Geld gespendet hat und die mittlerweile zum Patent angemeldet ist. Im Ozean sollen Ringe platziert werden, von denen ein geschlossener Schlauch in die Tiefe führt. Plätschern die Wellen warmen Wassers dort hinein, wird das warme Wasser in tiefere, kühlere Regionen gedrückt und ein Austausch beginnt. So könnte man die Meere abkühlen, glaubt laut US-Sender CBS Ken Caldeira von der Universität Stanford.

Ein CBS-Bericht über Ken Caldeiras Projekt mit den «Ring-Wärmepumpen»:

( L'essentiel Online / P. Dahm)

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