Trump und Trudeau – Wer hat hier die Oberhand?

Publiziert

Trump und TrudeauWer hat hier die Oberhand?

US-Präsident Trump empfing erstmals den kanadischen Premier Trudeau. Danach gibt ein Foto des Treffens zu reden.

Das gestrige Treffen von US-Präsident Donald Trump und dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau im Weißen Haus barg Herausforderungen – hier Trump, der Ultranationalist, der sein Land abschotten will und an alten Allianzen zweifelt. Da Trudeau, der Multikulturalist, der an globalen Freihandel glaubt und Kanada für Zehntausende Flüchtlinge geöffnet hat. Zu reden aber gab weniger das Treffen – nein, es war der Handschlag der beiden Politiker, der viele Menschen beschäftigt.

In den sozialen Medien macht ein Foto die Runde, das den jungen Kanadier zeigt, wie er mit gerunzelter Stirn und ineinandergehakten Fingern auf Trumps dargebotene Hand hinunterblickt. «Muss ich diese Hand wirklich schütteln?», scheint sich Trudeau zu fragen. Tatsächlich ist Trump für seinen Handschlag bekannt und berüchtigt, gern scheint er bei einer Begrüssung die sprichwörtliche Oberhand zu übernehmen, sein Gegenüber körperlich dominieren zu wollen.

Die Hand des japanischen Regierungschefs Shinzo Abe etwa schüttelte der Amerikaner fast 20 Sekunden lang. Eine derart aufgedrängte Herzlichkeit kann beim Gegenüber Unwohlsein auslösen – oder in der Politik, wo oft Alphatiere aufeinandertreffen, zu ungelenk anmutenden Situationen führen, wie das Video zeigt.

Der Schnappschuss einer Serie

Viele Social-Media-Nutzer jubeln angesichts des vermeintlichen Unwillens des kanadischen Politiker-Beaus: «Trudeau ist einer von uns», feiern sie den 45-Jährigen auf Twitter. So mancher sieht sich zum Körpersprache-Analysten berufen. «Seht euch diese Schlacht an, bei der Trudeau Trumps Zulangen-und-Zerren-Handschlag verweigert» und «Trudeaus Widerstand gegenüber Trumps Handschlag ist die größte Zurschaustellung von Dominanz in der kanadischen Geschichte», schreiben einige Nutzer (siehe Tweets).

Natürlich gab das Foto auch Anlass zu allerhand Memes und ausgedachten Dialogen wie: «Ich kann mindestens 17 M&Ms in meiner Hand halten. Wie viele kannst du halten?» - «Nicht so viele, Donald. Gut gemacht.»

Das Foto ist allerdings nur eine Momentaufnahme, ein Schnappschuss aus einer ganzen Serie von Aufnahmen des Agentur-Fotografen. Schon das nächste Foto zeigt: Sekunden später greift Trudeau beherzt nach der Hand seines Amtskollegen.

Eleganter Widerstand Trudeaus

Normalerweise hätte eine Momentaufnahme von einem Politikertreffen kaum ein derartiges Echo ausgelöst, wie ein Redakteur des «Time Magazins» indigniert schreibt. «Aber es sind keine gewöhnlichen Zeiten. Wir leben in einer neuen Normalität der geteilten Fehlinformationen, in der Falschheiten als Wahrheiten behandelt werden.»

Es mag für unsere Zeit sprechen, dass ein weit interpretierbarer Schnappschuss für mehr Aufsehen sorgt als die Resultate des Treffens der beiden Politiker. Dabei gab es für Trudeau und Trump eine Reihe heikler Themen anzusprechen, sei es der bilaterale Handel oder die jeweilige Migrations- und Flüchtlingspolitik. Beide Politiker demonstrierten bei dem Treffen zwar Einigkeit – und doch gab es Momente, in denen die Differenzen zwischen den beiden Politikern deutlich wurden.

Erwähnenswert ist etwa die elegante, aber scharfe Spitze gegen Trumps Flüchtlingsdekret: «Es gab Zeiten, in denen unsere Länder Dinge anders handhabten, doch dies geschah immer entschieden und respektvoll», so Trudeau. «Das Letzte, was die Kanadier von mir erwarten, ist, dass ich ein anderes Land belehre, wie es geführt werden soll. Meine Rolle, unsere Verantwortung, ist es, weiterhin so zu führen, dass die kanadische Einstellung reflektiert wird, um so ein positives Beispiel für die Welt zu sein.»

Dass Trudeau bei der anschließenden Pressekonferenz abwechselnd englisch und französisch sprach und Trump dazu zwang, etwas hilflos an seinem Knopf-im-Ohr-Übersetzer zu drehen, zeigte, wer die staatsmännische Hose anhatte.

Einige Tweets zum Thema

(L'essentiel/gux)

Deine Meinung