Debatte in Luxemburg – «Wer von uns ist ein Rassist?»
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Debatte in Luxemburg«Wer von uns ist ein Rassist?»

LUXEMBURG – Niemand von uns ist ein Rassist. So oder so ähnlich denkt Corinne Cahen, Ministerin für Integration, und zeigt sich am Mittwoch im Angesicht der Realität schockiert.

«In anderen Ländern ist die Lage nicht so katastrophal wie in Luxemburg»

«In anderen Ländern ist die Lage nicht so katastrophal wie in Luxemburg»

Luxemburg hat einen Ausländeranteil von 50 Prozent. Über den Grad der Integration aber sagt diese Zahl nichts aus. Denn das multikulturelle Luxemburg hat ein großes Problem: «Offen gesagt, unsere Zahlen sind besorgniserregend», sagte Michael O'Flaherty, Direktor der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) am Mittwoch. Im Auftrag der EU hat die FRA eine Studie zu Rassismus in Europa durchgeführt. In Luxemburg ist das Problem deutlich größer als im EU-Durchschnitt. Dieses Ergebnis kam schon 2018 ans Licht.

Die Konferenz Being Black in Luxembourg sollte am Mittwoch einen neuen Anlauf nehmen, um das Problem weiter zu erörtern. «Wir können das Problem nicht lösen, wenn wir es nicht sauber analysieren.» Darum brauche es im Nachgang zur europaweiten Studie auch Forschung, die sich konkret mit dem luxemburgischen Problem beschäftige, sagte O'Flaherty. Außerdem müsse der nationale Aktionsplan dringend umgesetzt werden, forderte er Luxemburgs Regierung auf.

« Ich bin schockiert »

«Ich bin schockiert», sagte Corinne Cahen, Ministerin für Integration, zu den Ergebnissen, vor allem aber zu der Schilderung von Mirlene Fonesca. Diese hat in Luxemburg geforscht und war selbst schon von Rassismus betroffen. Cahens Bestürzung darüber, dass Rassismus in Luxemburg real ist, ist Teil des Problems. Weiße Menschen gehen meist von ihrer eigenen Alltagserfahrung aus. In ihrem Leben spielt ihre Hautfarbe keine Rolle. Für «People of Colour» ist das aber anders. Die Schlussfolgerung weißer Politiker, die Gesellschaft hätte kein Problem mit Rassismus, ist aber ein Trugschluss. Die Wissenschaft hat dafür einen Begriff etabliert: Critical Whiteness. Er legt nahe, die eigene Farbenblindheit zu hinterfragen.

«Na, wer im Raum ist ein Rassist», fragt der Moderator. Niemand meldet sich. «Dann stelle ich Ihnen eine andere Frage: Welches war das letzte Buch, das Sie von einem schwarzen Autor gelesen haben?» Seine Frage zeigt, Rassismus muss nicht mit Drohungen verbunden sein, um Menschen zu benachteiligen.

Rassismus hat sich verändert, bestätigte der Präsident der europäischen Kommission gegen Rassismus, Jean Paul Lehners. An die Stelle von offenem, direktem Rassismus sei struktureller Rassismus getreten. Das bedeutet, die Hautfarbe spielt sehr wohl eine Rolle, etwa wenn es um die Frage geht, wer den Job bekommt, wer die Wohnung erhält, wer in den Club darf. «In anderen Ländern ist die Lage nicht so katastrophal wie in Luxemburg», sagte Lehners.

(Marlene Brey/L'essentiel)

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