Benzin-Engpass in Großbritannien – Wie will Johnson den Benzin-Notstand beenden?

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Benzin-Engpass in GroßbritannienWie will Johnson den Benzin-Notstand beenden?

Den Tankstellen Großbritanniens geht der Sprit aus. Politiker entwerfen jetzt Notfallregeln - sollte alles nicht klappen, muss sogar das Militär ausrücken.

«No Fuel» - Kein Benzin: Nach den Panikkäufen der letzten vier Tagen mit unendlichen Warteschlangen an Zapfsäulen geht den Tankstellen in Großbritannien der Sprit aus. In sozialen Netzwerken teilen sich Userinnen und User Informationen über Tankstellen, an denen man noch Kraftstoff bekommt. Viele rasen dann um fünf Uhr morgens los, um ihren Tank füllen zu können - die meisten schaffen es allerdings nicht mehr rechtzeitig. Taxifahrer sind ratlos und fordern Lösungen.

Am Montagmorgen schlug der Gesundheitssektor des Landes Alarm. «Ärzte und andere Beschäftigte des Gesundheitswesens können sich nicht um Patienten kümmern, wenn sie nicht zur Arbeit kommen», sagte Julia Grace Patterson von der Vereinigung EveryDoctor. Sie habe von vielen Kollegen gehört, die übers Wochenende erfolglos versucht hätten zu tanken, sagte Patterson. Sie forderte «dringend einen Notfallplan der Regierung», der absichere, dass Angestellte des Gesundheitsdienstes zur Arbeit kommen könnten.

Gibt es Pläne, um das Problem zu lösen?

Kurzfristig schon. Londons Bürgermeister Sadiq Khan forderte etwa Vorrang für Menschen in systemrelevanten Berufen. Ausgewählte Tankstellen sollten nur von Menschen genutzt werden dürfen, die in wichtigen Branchen arbeiteten und mit dem Auto zur Arbeit fahren müssten, sagte der Labour-Politiker beim Parteitag der britischen Sozialdemokraten in Brighton.

Die Regierung von Boris Johnson will noch energischer handeln und erwägt sogar den Einsatz des Militärs. Zwar gebe es derzeit keine Pläne für eine Entsendung von Soldaten, für den Notfall würden aber Vorbereitungen getroffen, erklärte die Regierung. Der Handelsverband PRA teilte mit, Soldaten seien bereits dafür ausgebildet worden, Tanklastzüge zu fahren.

Wer ist schuld daran?

Die britische Tankstellenvereinigung PRA führt die Treibstoffknappheit auf Panikkäufe zurück. Doch Hintergrund für die Krise ist ein gewaltiger Mangel an Lastwagenfahrern. In Großbritannien fehlen Schätzungen zufolge rund 100'000 Lkw-Fahrer. Wegen dieser Situation ist es zu Engpässen nicht nur an Tankstellen, sondern auch bei Lebensmitteln gekommen.

Der deutsche Kanzlerkandidat Olaf Scholz sieht den Brexit als Grund für die Kraftstoffkrise. Infolge des Austritts Großbritanniens aus der EU haben schätzungsweise 20'000 vor allem osteuropäische Fahrer das Land verlassen. Neue strenge Einwanderungsregeln hemmen nun aber den Zuzug. «Wir haben sehr hart daran gearbeitet, die Briten davon zu überzeugen, die Union nicht zu verlassen. Am Ende haben sie sich anders entschieden», sagte Scholz am Montag.

Tankstellenbetreiber wie Shell, BP und Esso erklärten, es gebe «reichlich Treibstoff in den britischen Raffinerien». Es fehlten aber die Fahrer zum Ausliefern. Zeitlich befristete Visa für Fernfahrer und andere Ausnahmen sollen nun Abhilfe schaffen. Doch auf die lange Frist bringt das alles wenig.

Mit Material von DPA und AFP

(L'essentiel/Karin Leuthold)

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