Metal in Luxemburg – «Wir haben uns keine Grenzen gesetzt»
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Metal in Luxemburg«Wir haben uns keine Grenzen gesetzt»

LUXEMBURG – Die Band «Scarred» gibt es schon seit 2003. Nun hat das Quintett sein neuestes Album veröffentlicht. Wir haben mit Drummer Laurent Kessel gesprochen und reingehört.

«Die Geschichte, die wir auf unserem neuen Album erzählen, ist eigentlich eine Transformation. Es fängt an mit dem Knall, dem Big Bang, wo alles auseinanderbricht durch Wut und Egozentrik. Es folgt der Exzess und dann meldet sich das Karma zurück mit Einsamkeit und Depression. Es ist eigentlich eine banale Geschichte, die jeder mal in seinem Leben erleben wird», erklärt Drummer Laurent Kessel das neueste Werk der Luxemburger Band «Scarred». Das Quintett macht Death Metal, eine Musikrichtung die dem Extreme Metal zugeordnet wird und für ungeübte Ohren oft chaotisch wirkt. Aber schon beim ersten Hören dürfte hier auch dem nicht Metal-affinen Hörer eine beachtliche Komplexität auffallen, die eine tiefergehende Geschichte offenbart.

Der Albumname: «Scarred» – genau wie der Bandname – war eine ganz bewusste Entscheidung. «Viele Leute glauben, dass wir damit zeigen wollen, dass wir jetzt unseren Stil gefunden haben. Aber nein, darum geht's gar nicht. Es ist einfach das persönlichste Album. Als wir nach einem Namen für die Platte gesucht haben, fiel uns auf, dass wir eigentlich nur unsere eigene Geschichte in den Stücken am erzählen waren», erklärt Kessel.

«Scarred» sind beileibe keine Newcomer in der Luxemburger Musikszene. 2003 gegründet hat die Band bisher eine EP und zwei Alben auf den Markt gebracht. Das letzte Album «Gaia-Medea» erschien sogar in Japan. Bis zum selbstgetitelten aktuellen Werk vergingen ganze acht Jahre, in denen die Band mit der vorübergehenden Abwesenheit ihres Gitarristen Diogo, mehreren Besetzungswechseln und persönlichen Problemen konfrontiert wurde. Glücklicherweise gelang es den Luxemburgern allen Widrigkeiten zum Trotz, die lange Pause mit allen Problemen in ein wahres Ungetüm von einem Metal-Album zu kanalisieren.

Nach einem sich aufbauenden Intro bricht das Quintett in «Mirage» mit der vollen Breitseite über den Hörer hinein. Trotz rasender Double Bass-Attacken und groovenden Breakdown-Momenten zeigen sich aber schon im ersten Track atmosphärische, an alte Prog-Klassiker erinnernde Passagen voller Melancholie. Der Drummer bestätigt diesen Eindruck: «Diesmal haben wir uns richtig ausgetobt und eigentlich keine Grenzen gesetzt. Diese Nischenmentalität, dass man nur Death Metal machen darf, darum ging es bei uns nicht mehr.»

Auch wenn immer wieder Versatzstücke des Death Metal-Genres auftauchen, ist der kreative Befreiungsschlag auf «Scarred» omnipräsent. Brutalität und Melancholie, Disharmonie und Harmonie liegen oft nur wenige Takte voneinander entfernt, Rhythmen ändern sich, Passagen gehen oft fast unbemerkt und regelrecht organisch in andere Liedteile über. Und zwischen Nackenbrechern und Riff-Attacken finden sich plötzlich akustische Instrumental-Stücke wie «Prisms» oder das großartige «Lua», die komplette Ruhe einkehren lassen, als sei der Hörer gerade im Auge des Sturms.

Nicht nur beim Songwriting, sondern auch auf handwerklicher Seite kann die Arbeit der Luxemburger überzeugen. Der neue Sänger Yann Dalscheid bricht immer wieder mit Death Metal-Klischees und setzt seine Stimme variantenreich ein, die Gitarrenfraktion um Diogo Bastos und Vincent Wilquin rattert präzise durch jede noch so abenteuerliche Chord-Entwicklung und Bassist Bertrand Pinna und Drummer Laurent Kessel liefern das donnernde Fundament für die vertrackte Geschichte, die immer wieder vor- und zurückgreift. «Momente vom Anfang kommen später im Album zurück, sei es in Melodien, sei es in Wörtern und manchmal auch nur in einem Drum-Break», erklärt Kessel. Nach 55 Minuten endet die luxemburgische Tour de Force mit dem erneut rein instrumentalen «Yours Truly», das fast an ein rückwärts abgespieltes Intro erinnert und den Konzept-Charakter unterstreicht. «Scarred» muss man erst mal verdauen... und dann am besten gleich wieder von vorne starten.

« Das nächste Album ist schon halb geschrieben »

Aufgrund der Corona-Pandemie muss auch das Quintett aus Luxemburg auf die Live-Darbietung der neuen Songs verzichten. Dafür arbeite man fieberhaft an Videos für jeden einzelnen Song, so Kessel. «Außerdem wollen wir richtig intensiv an einer Live-Show arbeiten. Jetzt haben wir mal richtig Zeit für solche Sachen». Außerdem sei das nächste Album auch schon halb geschrieben, verrät der Drummer. «Vielleicht kommt ja nach acht Jahren Pause jetzt nur noch die 2-Jahr-Pause.»

Website: www.scarredofficial.com
Facebook: facebook.com/Scarredofficial
Instagram: instagram.com/scarredofficial
Soundcloud: soundcloud.com/scarredofficial

(dm/L'essentiel)

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