Balakleja : «Wir hören schlimme Geschichten von vergewaltigten, schwangeren Frauen»

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Balakleja «Wir hören schlimme Geschichten von vergewaltigten, schwangeren Frauen»

Vor zwei Wochen, am 6. September, eroberten ukrainische Truppen die Kleinstadt Balakleja zurück. Die Vor-Ort-Korrespondentin unserer Partnerzeitung «20 Minuten» hat mit Anwohnenden gesprochen.

von
Ann Guenter
(aus Pokrowsk, Ukraine)

Viktoria (21) und Alexei (20): «Geschichten von vergewaltigten Schwangeren»

Viktoria und Alexei sind eben erst nach Balakleja zurückgekehrt. 

Viktoria und Alexei sind eben erst nach Balakleja zurückgekehrt. 

20 Minuten/Ann Guenter

«Wir sind erst seit drei Tagen wieder in Balakleja. Zuvor waren wir in Kiew, wohin wir im April geflohen waren, einen Monat, nachdem russische Truppen in unsere Stadt eingefallen waren», erzählt Viktoria. «Es wurde ungemütlich», ergänzt Alexei. «Ich und einige Kollegen hatten eine russische Flagge abgehängt und wurden gesehen – sie schossen auf uns.»

Sie habe zwiespältige Gefühle, wieder hier zu sein, sagt Viktoria. «Es ist wunderbar, denn wir lieben unsere Stadt. Gleichzeitig haben wir auch düstere Gedanken: Vieles ist zerstört und es gibt viele Vermisste, von denen niemand weiß, was mit ihnen passiert ist.»

Sie hätten viele schlimme Geschichten gehört, von vergewaltigten, schwangeren Frauen, von Folter und Tötungen. Die beiden wollen jetzt erst einmal bleiben, «auch wenn der Wiederaufbau der Stadt lange dauern und es im Winter hart werden wird». Noch gebe es in Balakleja kein laufendes Wasser und keine Elektrizität. «Aber in den Läden beginnen sich die Regale wieder mit ukrainischen Produkten zu füllen, die russischen Produkte verschwinden langsam.»

Olga (49): «Ich ließ meine Tochter nicht raus»

Olga lebte mit ihrer Mutter und Tochter in Dauerangst.

Olga lebte mit ihrer Mutter und Tochter in Dauerangst.

20 Minuten/Ann Guenter

«Bitte fragen Sie mich nicht nach dem kommenden Winter. Ich beginne zu weinen, wenn ich auch nur daran denke», sagt Olga. Das Leben sei schon im letzten halben Jahr sehr beschwerlich gewesen, und so schnell werde sich die Situation kaum bessern. «Die Kälte macht mir jetzt schon Angst, in unserem Wohnhaus zieht es grausam wegen der zerborstenen Fenster, und es gibt ja keine Elektrizität. Ich bin so froh, dass es jetzt tagsüber noch etwas warm ist.»

Auf den Strassen habe man nur noch russische Soldaten gesehen. «Sie vergewaltigten Frauen, sogar Schwangere. Ich ließ meine Tochter nicht mehr raus», sagt Olga. Wenn man es selbst nicht erlebt habe, könne man sich nicht vorstellen, wie es gewesen sei. «Meine Mutter, meine Tochter und ich lebten in Dauerangst, wir gingen wirklich kaum raus – so wie die meisten hier.»

Eine alte Frau mischt sich ein: «Das stimmt nicht, nicht alle blieben in den Wohnungen», sagt sie. Als wir nachfragen wollen, reagiert die alte Dame unwirsch. «Wollt ihr, dass sie mich ins Gefängnis stecken?» Wen meint sie? «Ihr wisst schon, wen ich meine», sagt sie und dreht sich ab. Sie dürfte die ukrainischen Soldaten gemeint haben. In Balakleja gibt es offenbar noch einige – gerade Ältere, die in Sowjetzeiten aufwuchsen –, die sich an der Präsenz der russischen Truppen nicht gestört haben. 

Viktor (15): «Angst, dass wir für Separatisten gehalten werden»

Viktor verbrachte den Frühling und Sommer während der russischen Besatzung im Inneren. 

Viktor verbrachte den Frühling und Sommer während der russischen Besatzung im Inneren. 

20 Minuten/Ann Guenter

«Als die ukrainischen Truppen Balakleja vor zwei Wochen wieder einnahmen, blieben wir die ersten drei Tage zu Hause. Wir hatten Angst, dass man uns vorwerfen würde, Separatisten zu sein und die Russen unterstützt zu haben, weil wir die Stadt nicht verlassen hatten.» Wieso ist seine Familie in der Stadt geblieben? «Meine Familie hat nicht viel Geld. Und überhaupt: Wohin sollten wir gehen? Hier ist doch unser Zuhause.»

Er habe fast den ganzen Frühling und Sommer in der Wohnung oder im Keller verbracht, je nachdem, wie stark der Artilleriebeschuss war, sagt der 15-Jährige. Seit einem Monat gebe es in seinem Wohnblock weder Wasser noch Elektrizität. Immerhin habe es ihnen an Essen nie gemangelt. «Die Russen haben den Einwohnern jeweils Essen in die Wohnungen gebracht – aber wir haben abgelehnt. Wir haben uns immer selbst versorgt», meint er trotzig. Jetzt, wo die russischen Besatzer abgezogen seien, würden sich seine Eltern weniger Sorgen machen. «Und ich bin auch froh – ich kann endlich wieder raus.»

Viktor glaubt nicht, dass er bald zur Schule gehen kann. «Das Gebäude ist total zerstört. Wenn es wieder konstant Elektrizität gibt, werden wir wohl online lernen.» Zudem hätten auch viele seiner Klassenkameraden Balakleja verlassen, als die russischen Truppen die Stadt im März eingenommen hätten. «Von den 24 Schülern meiner Klasse sind nur noch vier hier.» 

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