Interview – «Wir sehen den Kurden nicht beim Sterben zu»
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Interview«Wir sehen den Kurden nicht beim Sterben zu»

LUXEMBURG – Wie geht die Türkei mit den Konflkten im Irak und Syrien um? Der türkische Botschafter in Luxemburg, Salim Levent Sahinkaya, erklärt die Lage.

L’essentiel: Die Türkei hat eine 1295 Kilometer lange Grenze mit Syrien und dem Irak. Wie stellt sich die Lage für Sie momentan dar?
Salim Levent Sahinkaya: In der internationalen Darstellung heißt es oft, dass die Kurden massakriert werden und die Türkei nichts dagegen tue. Dabei handelt es sich um eine unfaire Beurteilung. Wir haben bereits 1,5 Millionen Syrer bei uns. Allein in den letzten Tagen sind 200.000 Personen aus Kobane gekommen. Wir nehmen diese Flüchtlinge gemäß aktuellen internationalen Bestimmungen auf. Aber es ist eine große Belastung für die Türkei, die Kosten bewegen sich schon bei über vier Milliarden Dollar. Es ist nicht so, dass wir einfach dabei zusehen, wie die Kurden sterben. Die Kurden in Kobane haben schließlich auch Verwandte unter den Kurden in der Türkei.

Wie kann man den Flüchtlingsansturm bewältigen?
Es wird schwieriger, noch mehr aufzunehmen. Wir fordern daher die Schaffung einer Flugverbotszone und einer Pufferzone auf syrischem Boden, in der Menschen abgesicherte humanitäre Hilfe erhalten. Der Ursprung des Bösen ist das Assad-Regime in Syrien. Wenn man sich nur mit der Sicherheit der Stadt Kobane befasst, ist es wie wenn man eine Mücke tötet. Solange das syrische Regime an der Macht ist, wird es keine Stabilität in der Region geben, sogar wenn der Islamische Staat (IS) ausgelöscht wird.

Was unternimmt Ankara gegen IS?
Die Türkei ist bereit für Gespräche mit den Verbündeten. Aber jegliche Maßnahmen müssen auf internationaler Ebene besprochen werden, mit einer Entscheiduug der UNO oder der NATO. Die türkische Armee allein kann gemäß internationalem Recht keinen Bodentruppen-Einsatz durchführen. Darüber hinaus ist auch kein westliches Land bereit, Bodentruppen zu schicken. Man kann nichts unternehmen. Die Allierten versuchen den Vormarsch des IS mit Bombardements zu stoppen und so den Fall der Stadt Kobane zu verhindern. Danach müssen die Völker in den Regionen, die moderaten syrischen Oppositionellen oder die Peschmergas im Nordirak in der Lage sein, sich selbst zu bewaffnen, auszubilden und unter sich Krieg zu führen.

Bevor Sie nach Luxemburg kamen, waren Sie in Libyen postiert, am Ende des Gaddafi-Regimes…
Ja. Ich habe die Freilassung von vier US-amerikanischen Journalisten verhandelt und die Evakuierung von 23.000 Personen, darunter 20.000 Türken, organisiert. Die Botschaft befand sich ganz in der Nähe des Hauptquartiers von Gaddafi und des Hafens, wo es jede Nacht Bombardements gab. Es war die ganze Zeit laut, man wusste nie, wer gerade schoss und musste immer Schutz suchen. Wir sind schließlich am 2. Mai 2011 mit dem Auto nach Tunesien gefahren. Die erste Nacht konnte ich wegen der Stille kaum schlafen. Es dauerte einige Zeit, um mich an die neue Situation zu gewöhnen. Aber in Libyen hat man gesehen, dass man mithilfe von internationalem Druck, sowohl finanziell als auch militärisch, eine Diktatur stürzen kann. Daran muss man denken, wenn es um Syrien geht.

Haben Sie Gaddafi kennengelernt?
Ja, ich habe ihn bei gesellschaftlichen Anlässen oder während des Besuchs des türkischen Premierministers in Libyen kennengelernt. Er war ein sehr einfacher, aber sehr interessanter Mann. Er genoss es, unter seinem Volk zu sein. Er endete damit, dass er flüchtete und ein paar Monate in die Wüste ging, um dann letztlich gefunden und gelyncht zu werden.

Seit Dezember 2013 sind Sie nun in Luxemburg.
Hier ist es ruhiger für mich und meine Familie. Auf der diplomatischen Ebene ist es sehr interessant und es gibt es viel Potenzial, sowohl was den Ausbau der politischen, kulturellen als auch wirtschaftlichen Beziehungen betrifft. Darüber hinaus halte ich mich an das Positionspapier, das im Zuge des Besuchs des Erbgroßherzogs in der Türkei im vergangenen Jahr vereinbart wurde.

Das Interview führte Jérôme Wiss.

(jw/L'essentiel)

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