Afghanische Taliban – «Wir waren es nicht»

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Afghanische Taliban«Wir waren es nicht»

Die Taliban sind über den Anschlag in Boston alles andere als erfreut. Ihre Position in Afghanistan ist gefestigt, die fremden Truppen sind bald weg: Al Kaida solle sich besser zurückhalten.

Den afghanischen Gotteskriegern war nicht nach Feiern zumute, als sie von den Bombenanschlägen beim Boston Marathon hörten. «Sie werden keine Verbindung zwischen Afghanistan und den Anschlägen finden», versicherte ein hochrangiger Taliban gegenüber dem US-Magazin «The Daily Beast». Man habe weder den Wunsch, einen derartigen Angriff auf den Westen auszuführen, noch die Fähigkeit, sagte der ehemalige Minister, der aus Sicherheitsgründen ungenannt bleiben wollte.

Er äußerte die Befürchtung, dass die Taliban wieder als Terroristen gebrandmarkt würden. Und zwar unabhängig davon, ob sie etwas damit zu tun hätten, oder nicht: «Solche Anschläge befördern nur anti-muslimische und anti-islamische Einstellungen im Westen», sagte er. Ihm sei bewusst, dass manche die Ansicht vertreten, der Terror hätte auch sein Gutes: Endlich würden die Amerikaner verstehen, worunter so viele Muslime leiden. Doch letztlich werde der Vorfall den Taliban und der weltweiten islamistischen Bewegung schaden, sagte er.

«Wir anerkennen und schätzen Ihren Dschihad, aber ...»

Offenbar befürchtete die Führung der afghanischen Taliban seit Wochen einen Al-Kaida-Anschlag im Westen. Ein Nachrichtenoffizier berichtete von Warnungen, ein Angriff im Stil von 9/11 könne die künftige Strategie der Aufständischen «ruinieren» und dem Ansehen der Taliban schweren Schaden zufügen. «Wir verloren Afghanistan 2001 wegen 9/11 zu einem Zeitpunkt, als wir fast 100 Prozent des Landes unter Kontrolle gebracht hatten», sagte er. Man wolle nicht, dass solche Vorfälle die eigenen Pläne erneut durchkreuzen.

Laut dem Nachrichtenoffizier haben die Taliban versucht, der Al-Kaida-Führung klarzumachen, dass zum jetzigen Zeitpunkt Anschläge auf westliche Ziele keine gute Idee seien. Vor dem Abzug der ausländischen Truppen 2014 gelte es, die Außenbeziehungen zu verbessern. Die Taliban hätten diese Sorgen auch in einem Schreiben an Al-Kaida-Chef Aiman al Sawahiri thematisiert: «Wir anerkennen und schätzen Ihren Dschihad, aber momentan wäre es im Interesse unserer Zukunft besser, auf Anschläge zu verzichten». Man habe sich eine gute Ausgangslage in Afghanistan erarbeitet und dafür viele Opfer gebracht. «Wir wollen nicht, dass diese Fortschritte sich wie 2001 in Luft auflösen», schloss der Brief.

Al Sawahiri hat offenbar nicht geantwortet. Der Nachrichtenoffizier hält Al Kaida für geschwächt, aber gleichzeitig außerstande, auf Anschläge zu verzichten. Ihr Ziel sei immer noch, den Tod Osama Bin Ladens zu rächen. «Wir haben keinen Einfluss auf sie», sagte er.

(L’essentiel Online / kri)

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