Reformstau – Wo der neue Papst durchgreifen muss
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ReformstauWo der neue Papst durchgreifen muss

Der 76-jährige Papst Franziskus steht vor enormen Herausforderungen. Wird er Erfolg haben, wo sein Vorgänger Benedikt XVI. scheiterte? Die Probleme im Überblick.

Er ist ein stiller, bescheidener und volksnaher Mensch. Und er ist nicht mehr der Jüngste. Jorge Bergoglio, der am Mittwoch zum neuen Pontifex Maximus der katholischen Kirche gewählt wurde, tritt ein schweres Erbe an. In vielen Bereichen herrscht Reformstau. Den Draht zu den Gläubigen dürfte Papst Franziskus leichter finden als sein distanzierter Vorgänger Benedikt XVI.. Doch Kommentatoren betonen, dass die Kirche nicht nur einen Seelsorger brauche, sondern einen Anführer «mit den Fähigkeiten eines modernen Managers», so die «Financial Times». Das sind die wichtigsten Baustellen:

Kurienreform: Der Vatileaks-Skandal hat die Bürokratie des Kirchenstaats als Intrigantennest entlarvt, in dem sich verschiedene Fraktionen bis aufs Messer bekämpfen. Ein vertraulicher 300-seitiger Untersuchungsbericht soll ein verheerendes Bild zeichnen, bis hin zu einem Schwulen-Netzwerk im Vatikan. Er soll maßgeblich zum Rücktritt von Papst Benedikt beigetragen haben. Sein Nachfolger hat kaum Erfahrungen mit der Kurie. Das könnte ein Nachteil, aber auch ein Vorteil sein, denn dadurch kann Franziskus unbelastet Reformen anpacken. Entscheidend wird sein, wen er zum Staatssekretär und damit «Regierungschef» ernennt. Der bisherige Amtsinhaber Tarcisio Bertone gilt als Teil des Problems.

Vatikanbank: Das notorisch undurchsichtige Istituto per le Opere di Religione (IOR) ist seit Jahrzehnten als Skandalbank berüchtigt, es soll in diverse italienische Finanzaffären verwickelt und mit der Mafia verbandelt sein. Weil internationale Transparenz- und Geldwäschereiregeln nicht beachtet werden, verweigert die OECD dem Vatikan die Aufnahme in die Weiße Liste. Die italienischen Banken stellten deshalb zu Jahresbeginn die Zusammenarbeit mit dem IOR ein, wodurch die Bankautomaten im Vatikan lahm gelegt wurden. Als eine seiner letzten Amtshandlungen ernannte Papst Benedikt den deutschen Banker Ernst von Freyberg zum neuen Präsidenten des IOR. Der neue Papst Franziskus muss bei ihm auf die nötigen Reformen drängen. Experten empfehlen sogar die Schließung, da der Vatikan keine eigene Bank brauche.

Säkularisierung: In der westlichen Welt laufen der Kirche die Schäflein davon. Immer weniger Gläubige können sich mit ihren rigiden Vorschriften identifizieren. Eine Folge davon ist ein akuter Priestermangel. Die Aufhebung des Pflichtzölibats oder die Zulassung von Frauen zum Priestertum dürften für Franziskus aber kaum Priorität haben, zumal sich das Problem in anderen Erdteilen weniger stellt. Zumindest könnte der neue Papst aber die Basis stärken, die Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sukzessive entmündigt haben. Möglich wären mehr Kompetenzen für Laien und mehr Mitsprache bei Bischofswahlen.

Sexualmoral: Hier ist Kirche nach Ansicht ihrer Kritiker besonders weltfremd, sei es bei der Empfängnisverhütung oder der Anerkennung von Homosexuellen. Und gerade hier ist von Franziskus am wenigsten zu erwarten. Als Erzbischof von Buenos Aires hat er wiederholt mit markigen Worten gegen Reformen gewettert. Die von der argentinischen Regierung letztlich durchgesetzte Homoehe bezeichnete er als «Versuch, den Plan Gottes zu zerstören».

Kindesmissbrauch: Unzählige Kinder sind von pädophilen Kirchenleuten sexuell missbraucht worden. Benedikt XVI. hat die «unsäglichen Verbrechen» verurteilt und sich bei den Opfern entschuldigt. Für viele Kritiker aber geht der Vatikan immer noch zu zögerlich mit dem Problem um. «Der nächste Papst soll mit Entschuldigungen und Gesten aufhören und jene Bischöfe absetzen, welche die Verbrechen vertuschen», forderte David Clohessy, Leiter einer Selbsthilfegruppe von Missbrauchsopfern, gegenüber der BBC. Jorge Bergoglio hat Kindesmissbrauch in der Vergangenheit scharf verurteilt. Ob er auch gegenüber fehlbaren Klerikern durchgreifen wird, muss sich zeigen.

Interreligiöser Dialog: Joseph Ratzinger hat im Umgang mit Andersgläubigen – vor allem Juden und Muslimen – einiges Geschirr zerschlagen. Sein Nachfolger dürfte sensibler vorgehen. Ronald Lauder, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, kennt Franziskus persönlich und bezeichnet den neuen Papst als «Mann des Dialogs», der «in der Lage ist, Brücken zu anderen Glaubensrichtungen zu bauen». Auch im Umgang mit anderen christlichen Gemeinschaften wird er gefordert sein. Die Ökumene wurde unter Benedikt XVI. vernachlässigt, gleichzeitig wird die katholische Kirche von evangelikalen Freikirchen bedrängt – nicht zuletzt in Lateinamerika, der Heimat des neuen Pontifex.

(L'essentiel Online/PeterBlunschi)

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