Drogensucht unter Palmen – Zugedröhnt unter tropischer Sonne

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Drogensucht unter PalmenZugedröhnt unter tropischer Sonne

Entspannt unter Palmen liegen mag für Urlauber auf den Malediven ein Genuss sein. Doch Arbeitslosigkeit und ein Leben ohne Perspektiven treiben viele einheimische Jugendliche auf den Inseln in die Drogensucht.

Ii Male auf den Malediven gibt es wenig Jobs und Freizeitmöglichkeiten. Die Zahl der Drogenabhängigen ist sehr hoch.

Ii Male auf den Malediven gibt es wenig Jobs und Freizeitmöglichkeiten. Die Zahl der Drogenabhängigen ist sehr hoch.

DPA

Immer wieder drehen die Jugendlichen mit ihrem Moped eine Runde. Keine Viertelstunde brauchen sie, dann sind sie auf der winzigen Hauptinsel der Malediven wieder an ihrem Ausgangspunkt angekommen. Andere sitzen in einem der zahllosen Ufer-Cafés in Malé, rauchen Shishas, knabbern leicht stimulierende Muskatnüsse und schauen aufs Meer hinaus.

Die luxuriösen Resort-Inseln, wo Urlauber für Hunderte Euro pro Nacht unter Palmen entspannen, liegen unerreichbar hinterm Horizont. «Die jungen Menschen wissen um den Reichtum dort - und sehen im Gegensatz dazu, wie wenig sie hier haben», sagt Politikerin Shauna Aminath (29). Viele junge Malediver kommen mit ihrem Leben voller Langeweile und Arbeitslosigkeit nicht klar, und flüchten in die Sucht. «In jeder Familie gibt es mindestens einen Drogenabhängigen», sagt Aminath.

Stewardess als Schmugglerin

Auch eine ihrer Freundinnen begann Anfang der 90er Jahre Heroin zu rauchen, als die gefährliche Substanz - auf den Malediven als «brauner Zucker» bekannt - in Massen und zu günstigen Preisen auf die Tropeninseln kam. Erst 13 Jahre war sie damals alt. «Ich habe es nur einmal probiert, dann war ich angefixt», erzählt die Frau mit langen dunklen Locken, die lieber anonym bleiben will.

15 Jahre lang nahm sie Heroin. Währenddessen arbeitete sie etwa in einem Reisebüro und schmuggelte als Stewardess die Droge sogar regelmäßig mit ins Flugzeug. Wie oft sie in eine Entzugsklinik geschleift und dann doch wieder rückfällig wurde, weiß sie nicht mehr. «Sobald ich entlassen war, kaufte ich es wieder an der Straßenecke. Das ist so einfach.»

Unmöglich Drogen aus dem Weg zu gehen

Mohamed «Rado» Rashid ist Mitgründer und Programmkoordinator von Journey, einer Organisation ehemaliger Drogenabhängiger. Er nimmt an, dass weit mehr als die Hälfte der Menschen in der Hauptstadt Drogenerfahrung haben. «In so einer überfüllten Stadt wie Malé ist es unmöglich, Drogen aus dem Weg zu gehen», sagt er. «Ein Anruf, und der Dealer ist da. Schneller als der Pizzabote.»

Rashid hält den Konsum von Marihuana, Alkohol, Heroin, und zunehmend auch Crystal Meth, LSD und neuen chemischen Substanzen für das größte gesellschaftliche Problem der gesamten Malediven, nicht mehr nur der Hauptinsel. «Wir haben hier jetzt ständig Diebstähle und Gewalt durch Gangs, dazu viele Selbstmorde. Das hängt mit den Drogen zusammen.»

Importe über See aus Afghanistan oder Pakistan

Malés Bürgermeister Mohamed Shihab, der früher Innenminister war, schätzt, dass 80 Prozent der Kriminellen in den Gefängnissen wegen ihrer Drogenabhängigkeit oder Beschaffungskriminalität einsitzen. «In den 70ern konnte jede Frau mitten in der Nacht durch die Stadt laufen. Heute ist das überhaupt nicht mehr so», sagt er. Lokaljournalist Ali Naafiz erzählt, über Messerstechereien werde schon gar nicht mehr berichtet, so häufig seien sie.

Dabei werden die Drogen nicht im Land selbst hergestellt, sondern per Boot aus Afghanistan oder Pakistan importiert. Die rund 3000 Polizisten könnten niemals die ganze Grenze sichern, meint Ex-Innenminister Shihab, denn die Inseln im Indischen Ozean erstrecken sich über fast tausend Kilometer Länge. Stattdessen müsse viel mehr getan werden, um die Kinder und Jugendlichen aufzuklären.

«Die Menschen glauben, die Drogensüchtigen beleidigen Gott»

Politikerin Aminath betont, dass ein gesellschaftlicher Wandel nötig sei. In dem muslimischen Land, in dem sogar Alkohol verboten ist, würden die Abhängigen versteckt und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Bislang begreife kaum jemand die Sucht als Krankheit - deswegen gebe es auch erst ein Rehabilitationszentrum. «Die Menschen glauben, die Drogensüchtigen beleidigen Gott.»

(L’essentiel / dpa)

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