Hunger made in USA – Zum Leben zu wenig - zum Sterben zu viel

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Hunger made in USAZum Leben zu wenig - zum Sterben zu viel

Somalia ist zum Synonym für den Hunger geworden. Doch auch in den vermeintlich zivilisierten USA leiden Millionen von Menschen unter den Folgen von Unterernährung. Besonders hart trifft es Kinder.

Auch dieser arbeitslose Familienvater ist auf fremde Hilfe angewiesen.

Auch dieser arbeitslose Familienvater ist auf fremde Hilfe angewiesen.

Wie ist es, abends hungrig zu Bett gehen zu müssen? Wie soll man eine ganze Familie einen Monat lang über die Runden bringen, wenn nach dem Bezahlen der Miete nichts mehr fürs Essen bleibt? Fünfzig Millionen Amerikaner gehören laut dem United States Department of Agriculture (Stand 2009) zur untersten Schicht der sogenannten «working poor»: Sie haben einen oder mehrere Jobs, doch was sie verdienen, reicht vorn und hinten nicht. Zum Leben zu wenig - zum Sterben zu viel. Schlimm ist das vorallem für die Kinder: Gemäss der statistischen Erhebung sind 17,2 Millionen Kinder in den Vereinigten Staaten von Hunger bedroht.

Auch Michael Marcinicin und seine Frau Dannie wissen oft nicht, wie sie die nächste Mahlzeit für ihren Nachwuchs auftreiben sollen. Das Ehepaar aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania arbeitete in einer Gerberei, bis die Firma nach Mexiko verlegt wurde. «Am 31. Dezember 2004 ging ich dort zum letzten Mal zur Arbeit», erinnert sich Marcinicin im Gespräch mit abcNEWS. Seitdem sucht er vergeblich einen Vollzeit-Job. Sein Geld verdient der 51-Jährige mit einem Teilzeit-Pensum als Sicherheits-Angestellter in einem Kaufhaus, während seine Frau halbtags in einer Krippe arbeitet.

Nach Abzug der Rechnungen bleibt fast nichts

Um ihre grösste Not zu lindern, beziehen die Marcinicins Lebensmittel-Marken vom Staat. Doch auch die reichen nicht. «Es ist immer dasselbe», seufzt Marcinicin und erzählt, dass ihm vom Lohn einer 31-Stunden-Arbeitswoche praktisch nichts bleibt. «Du bekommst Geld für deine Arbeit, du bezahlst die Rechnungen und dann hast du nur noch sechs Dollar in deinem Portemonnaie. Da bleibt nichts mehr fürs Essen.»
Michael und Dannie Marcinci verzichten oft auf ihre Mahlzeiten, damit wenigstens die Kinder satt werden. «Sie sehen, dass wir nichts essen und fragen uns ‹warum?›. Dann antworten wir, dass wir keinen Hunger haben», schildert Marcinicin die traurige, sich immer wiederholende Szene. Doch den Sprösslingen sei – so der Familienvater – bewusst, dass ihnen die Eltern nur etwas vormachten.

Marcinicins Erfahrungen decken sich mit aktuellen Studienergebnissen, wie John Cook, Professor für Kinderheilkunde an der Boston University School Medicine, bestätigt: «Kinder bemerken sehr wohl, dass ihre Eltern aufs Essen verzichten, um ihnen das Hungern zu ersparen.» Eine häufige Reaktion der Kinder sei gemäss Cook, dass sie das für sie aufgesparte Essen verweigerten. Wie gefährlich die Unterversorgung mit Nährstoffen für Kinder ist, weiss John Cooks Arbeitskollegin Megan Sandel einzuschätzen. Auch Sandel hält eine Professur in Kinderheilkunde und kennt die gesundheitlichen Probleme, die sich durch bittere Armut ergeben können. «Durch die Mangelernährung leiden die Kinder und ihre Eltern an Untergewicht und werden anfälliger für Krankheiten», betont die Ärztin. Gerade bei Kleinkindern sei laut Sandel eine ausreichende Versorgung mit Nährstoffen essentiell: «Von der Geburt an bis zum dritten Lebensjahr befindet sich die Entwicklung des Gehirns in einem wichtigen Stadium». Bekomme das Kind zu wenig Nährstoffe, bleibe das Gehirn in seiner Entwicklung zurück. Auch die «unterversorgten» Eltern seien, so die Medizinerin, ein Problem: Einem hungernden, geschwächten Erwachsenen fehle schlicht die Energie, auf das Kind einzugehen, es zum Spielen und damit zum Lernen zu animieren.

Konzentrationsstörungen durch Unterversorgung

Dass die Folgen des Hungers nicht nur die Gesundheit der Kinder bedrohen, erleben die Mitarbeiter von Feeding America tagtäglich. Die Wohltätigkeits-Organisation unterstützt Menschen mit der Abgabe von Lebensmitteln. In der Schule leiden die von bitterer Armut betroffenen Kinder unter Konzentrationsstörungen, da sie chronisch mit Nährstoffen unterversorgt sind. Das wirkt sich auch auf die Schulnoten aus. Zudem sind diese Kinder häufiger verhaltensauffällig und weniger gut sozial integriert als ihre Mitschüler.

«Unterernährung kann bei Kindern auch Angststörungen hervorrufen», meint Karrie Denniston, Vize-Präsidentin des nationalen Feeding-America-Programms und ergänzt, dass «viele dieser Kinder am Freitag das Klassenzimmer nicht mehr verlassen wollen, weil sie nicht wissen, ob sie am Wochenende ausserhalb der Schule etwas zu essen bekommen». Diese Schüler seien Denniston zufolge verängstigt und schämten sich: «Sie vermeiden es, von ihren Schulkollegen besucht zu werden, weil sie ihnen nichts zu essen anbieten können.»
Diese Kinder unterstützt Feeding Amerika mit sogenannten «BackPacks»: Sie enthalten Nahrungsmittel wie Früchte sowie gesunde und leicht zuzubereitende Instant-Mahlzeiten, mit denen die Kinder während des Wochenendes – wenn die Schulkantine geschlossen ist – versorgt werden. Um einer Stigmatisierung vorzubeugen, gibt Feeding America die «BackPacks» diskret an die Betroffenen ab.

Früher die Mittelschicht, heute das hungernde Elend

Angebote wie das von Feeding America werden rege genutzt. Die Zahl der Menschen, die in den Vereinigten Staaten auf die Unterstützung von Hilfsorganisationen angewiesen sind, steigt stetig: «Es kommen immer mehr Menschen hierher», sagt Maria Delsordo von Philabundance, einer Hilfsorganisation in Philadelphia. «Plötzlich kommen Leute zu uns, die zuvor nie auf die Unterstützung mit Lebensmitteln angewiesen waren. Das sind Leute, die durch die Krise ihren Job verloren haben und ins Elend gestürzt sind, weil nur noch einer in der Familie arbeitet.» Und damit lässt sich – zumindest mit dem amerikanischen Durchschnittsverdienst – keine Familie durchbringen.

Besserung ist nicht in Sicht, das weiss auch Michael Marcincin. Trotz seiner misslichen Lage schaut er nach vorne: Aufgeben? Das kommt für ihn nicht infrage. Er will unermüdlich weiterkämpfen – für seine Familie, für ein besseres Leben.

L'essentiel Online /

(rre)

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