Allerheiligen in China – Zur Andacht in die virtuelle Welt

Publiziert

Allerheiligen in ChinaZur Andacht in die virtuelle Welt

Der Totengedenktag bewegt in China die Massen. Wer dem Rummel ausweichen will, kann seiner Vorfahren neuerdings im Internet gedenken. Nicht allen gefällt's.

Der monotone Bittgesang der kahlgeschorenen Mönche in ihren dunkelgelben Roben scheint endlos. Die Luft ist von Weihrauch erfüllt. Stumm und regungslos starren 10 000 goldene Buddhafiguren von den Wänden herab. Es ist der 5. April, der Tag, an dem im Reich der Mitte der Verstorbenen gedacht wird. Die chinesische Version von Allerheiligen also. Etwa 150 Mönche und 300 Laien haben sich zur Feier des Qingming-Fests um drei Uhr früh im Bailin-Tempel nahe der Pharma-Stadt Shijiazhuang in Nordostchina eingefunden.

Vor ihnen aufgebahrt ist ein etwa fünf Meter hoher, stufenförmiger Gabentempel. Die leckeren Speisen und Getränke darauf sind jedoch nicht für die Gläubigen bestimmt, die seit zweieinhalb Stunden abwechslungsweise stehend und kniend beten, sondern einzig und allein für die Toten. Nach chinesischem Glauben bestimmen die Geister der Toten das Schicksal ihrer Angehörigen im Diesseits entscheidend mit. Die Liebsten im Jenseits bei Laune zu halten, ist für die Lebenden daher ein absolutes Muss.

iPhones aus Papier

Dazu gehört auch der Grabbesuch während dem Qingming-Fest. Zuerst werden die Gräber geputzt und feierlich geschmückt. Anschließend werden Opfergaben darauf gelegt: von Klebreis über gebratene Hühnerflügel und Schrimps bis hin zu Schnapsfläschchen und Zigaretten – je nach Vorliebe der Verstorbenen. Mit diesen Gaben soll die «Lebensqualität» der Toten erhöht und ihr Wohlwollen gegenüber ihren lebenden Verwandten sichergestellt werden.

Damit sich die Toten später mit dem Nötigsten gleich selbst eindecken können, wird auch fleißig von der «Himmelsbank» emittiertes Papiergeld verbrannt. In Südchina ist gar das Opfern von Häusern, Autos, Waschmaschinen und anderen Alltagsgegenständen üblich – aus Papier versteht sich. Die diesjährigen Verkaufsschlager waren originalgetreu nachgebildete Apple-Produkte. Ein Paket mit zwei farbigen iPads und vier iPhones gab es bereits für unschlagbare 75 Rappen.

Virtuelles Grab im Internet

Der Totengedenktag ist im Milliardenreich China erst seit 2008 ein offizieller Feiertag. Entsprechend riesig ist der Andrang auf den Friedhöfen und in den Tempeln. Chinesen, denen es beim bloßen Gedanken an diese Menschenmassen Schweißperlen auf die Stirn jagt, können ihrer Liebsten neuerdings bequem von Zuhause aus gedenken. Einige Mausklicks genügen und schon hat man für sie ein virtuelles Grab im Internet errichtet.

Eine ganze Reihe von chinesischen Webseiten wie niannet.com.cn bietet diesen Service inzwischen an. Das Prinzip ist überall das Gleiche. Einmal registriert, erhält der User ein gratis Startguthaben in Form von virtuellen Münzen, mit dem er für seine verstorbenen Verwandten ein Grab anlegen kann. Dazu muss er auf einer China-Karte zuerst einen Friedhof aussuchen. Anschließend kann er sein Grab mit einer Vielzahl von Optionen individuell ausgestalten.

Laptops und Pinguine

Allein bei den Hintergrundbildern stehen dem User auf niannet über 20 Themen zur Auswahl – darunter auch eine Alpenlandschaft. Ein anderes Portal bietet gar eine afrikanische Steppe an. Auf dem Grabstein selber werden nur der Name und ein Foto des Verstorbenen angezeigt. Zusatzinformationen können in einem Nachruf mitsamt Fotogallerie und Videoclips separat hochgeladen werden.

Bei den Opfergaben sind dem User fast keine Grenzen gesetzt. Die exquisite Speise- und Getränkekarte wartet allein bei den Suppen mit 17 Varianten auf. Auch bei den Grabbeigaben, die den Toten den Alltag im Jenseits versüßen sollen, ist für jedes Alter und jeden Geschmack etwas dabei: Laptops, Rollerblades, Musikinstrumente, Malsets, Schaukelstühle, Tabakpfeifen, Anzüge – das Angebot lässt keine Wünsche offen. Hobby-Polarforschern kann zum Zeitvertreib gar ein Pinguin ins Totenreich nachgeschickt werden.

Obwohl es sich bei diesen Online-Friedhöfen um kommerzielle Webportale handelt, kosten die meisten Dienstleistungen noch nichts. Zum Gratisservice des vor zwei Jahren gegründeten niannet gehört etwa eine Fee, die nach Betätigung der Maustaste Besen schwingend übers virtuelle Grab schwebt, oder eine Gruppe von Mönchen, die für die arme Seele betet.

«Grünes» Gedenken

«Zivilisierter und umweltfreundlicher» will niannet das Totengedenken machen. Das ist ganz im Sinne der Regierung. Besonders das Verbrennen von Papiergeld ist ihr schon länger ein Dorn im Auge. Immer wieder kommt es dabei nämlich zu Bränden. In Peking gab es laut der Tageszeitung «China Daily» bereits im Vorfeld des diesjährigen Totenfests an einem einzigen Tag 28 Brände, im ostchinesischen Qingdao gar zwei Tote. Hinzu kommt die Umweltbelastung. Laut der chinesischen Verbrauchervereinigung werden für die Toten am Qingming-Fest jedes Jahr über 1000 Tonnen Papier verbrannt.

Obwohl es umweltfreundlich, zeitsparend und obendrein noch ausgesprochen günstig ist, kann sich das Volk (noch) nicht so recht für das Online-Gedenken begeistern. Vor dem Bildschirm habe man doch «keine Gefühle», meint etwa der 30-jährige Herr Zhong aus Anyang. Li Zhen empfindet virtuelle Gräber als «nicht respektvoll genug». Der 18-jährige Student aus Shijiazhuang hat aber Verständnis für Leute, die ihren Vorfahren mangels Zeit oder Geld für die Reise in ihren Heimatort online Respekt zollen.

«Nicht mehr ganz bei Trost»

Ganz anders Zhao Jing. Für den Inhaber eines Reisebüros in Peking sind solche Leute schlicht «nicht mehr ganz bei Trost». Seiner Meinung nach ist das Gedenken vor dem PC ein Affront gegen die Tradition. Überhaupt keine Mühe damit hat erstaunlicherweise der Mönch Chuanding aus dem Bailin-Tempel. Auf die Frage, was er denn von dieser neuen Gedenkform halte, antwortet der 29-Jährige pragmatisch wie ein Bürokrat: «Den Toten ist es egal, wie man ihrer gedenkt.»

Die Chilbi-Atmosphäre im Bailin-Tempel verdeutlicht, was der Mönch meint. Von Andacht ist in der weitläufigen Anlage an diesem religiösen Feiertag wenig zu spüren: Es wird geschwatzt, gelacht und lauthals telefoniert. Viele Besucher, vor allem junge, lassen sich beim Anzünden von Räucherstäbchen oder beim Gebet auch fotografieren – als müssten sie den Toten beweisen, dass sie ihrer im Tempel gedacht haben, und nicht etwa Zuhause vor dem Computer.

L'essentiel Online/Simon Gisler

Deine Meinung