Saudi-Arabien und Iran – Zwei Giganten kämpfen um den Nahen Osten

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Saudi-Arabien und IranZwei Giganten kämpfen um den Nahen Osten

Mit den Gefechten im Jemen geht die Schlacht um den Nahen Osten erst richtig los. Warum jetzt – und was haben die USA damit zu tun?

«Wir befinden uns hier in einem verdammten freien Fall!» Mit diesem Ausruf machte sich unlängst James Jeffrey Luft. Der ehemalige US-Botschafter im Irak kommentierte gegenüber «Politico» die zunehmend blutigen Entwicklungen im Nahen Osten. Zum gleichen Schluss kam am Freitag David Rothkopf, Chefredakteur von «Foreign Policy». Er verglich die Situation mit derjenigen während des Balkankriegs und sagte, «noch nie zu unseren Lebzeiten» sei praktisch jedes nahöstliche Land in Konflikte verwickelt gewesen.

Während sich die bisherige Hegemonialmacht USA zurückzieht, ist im Nahen Osten ein gigantisches Kräftemessen im Gang. Im Jemen, im Irak, in Syrien und anderen Staaten der Region kämpfen Saudi-Arabien und der Iran um die Vorherrschaft. Was geht hier vor?

Das sunnitische Saudi-Arabien

Das saudische Königreich ist das reichste und neben Ägypten das mächtigste arabische Land. Seine Herrscher vertreten einen fundamentalistischen sunnitischen Islam und wachen über die religiösen Zentren Mekka und Medina. Bislang begnügten sie sich damit, befreundete Staaten finanziell zu unterstützen. Für die militärische Stabilität in der Region waren laut dem Analysedienst Stratfor seit 2000 vorab die USA zuständig.

Seit Ende März greifen saudische Kampfflugzeuge jedoch aktiv in die bürgerkriegsähnliche Situation im Jemen ein. Sie fliegen Bombenangriffe gegen die im Norden des Landes beheimateten Huthi-Rebellen, weil diese nach der Einnahme Hauptstadt Sanaa jetzt auch die Hafenstadt Aden bedrohen. Der rechtmässige, USA-freundliche Präsident Abad Rabbo Mansur Hadi floh bereits nach Saudi-Arabien.

Saudis scharen Partner um sich

Die schiitischen Huthis werden finanziell vom Iran unterstützt. Saudi-Arabien und andere sunnitische Staaten kämpfen im Jemen somit auch gegen den wachsenden Machtanspruch des Irans. Die saudische Operation wird getragen von einer Koalition aus Jordanien, Ägypten, Marokko, Pakistan, Sudan und den fünf arabischen Staaten am Persischen Golf.

Schon während des arabischen Frühlings waren saudische Soldaten in Aktion getreten: In Bahrain verhinderten sie eine schiitische Revolution. Und mit Billigung Saudi-Arabiens bombardierten im vergangenen August Kampfjets aus Ägypten und den Emiraten islamistische Extremisten in Libyen.

Der schiitische Iran

Im Jahr 2003 schuf der Sturz von Diktator Saddam Hussein im Irak eine historische Gelegenheit für den Iran: Seither weiten die Mullahs in Teheran ihren Einfluss auf Bagdad stetig aus. Zurzeit beteiligen sich Irans Revolutionsgarden und schiitische Milizen an der Rückeroberung der von der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) besetzten Stadt Tikrit.

Noch aktiver ist der Iran im Bürgerkrieg in Syrien. Die vom Iran finanzierten und kontrollierten Hisbollah-Milizen aus dem Libanon kämpfen an der Seite der Truppen von Präsident Bashar al-Assads gegen den IS, den Al-Kaida-Ableger Nusra Front und gegen die Rebellen. Sollten sich die Huthis in Jemen durchsetzen, würde der Iran die arabische Halbinsel strategisch umklammern - eine für Saudi-Arabien unerträgliche Vorstellung (siehe Karte unten).

Wie gehts weiter?

US-Präsident Barack Obama will die Militäraktionen seines Landes im Nahen Osten auf ein Minimum beschränken. Laut Stratfor versuchen die USA, unter den regionalen Mächten ein Gleichgewicht herzustellen. In dieses Bild passt die faktische Kooperation zwischen der US-Luftwaffe und iranisch kontrollierten Kämpfern im Irak. Dazu passt auch, dass jetzt Saudi-Arabien aktiv Verantwortung übernimmt.

Dass bald stabile Verhältnisse einkehren, ist nach Ansicht der meisten Experten jedoch unwahrscheinlich. Falls zudem ein Abkommen im Atomstreit des Westens mit dem Iran zustande kommt, würde Teheran an Status und Handlungsfähigkeit gewinnen, glaubt «Foreign Policy»-Chefredakteur Rothkopf. In der Folge könnte der Iran seinen Einfluss noch weiter ausdehnen.

Auch der frühere Pentagon-Mann Dov Zakheim prophezeit der Region das Gegenteil von Ruhe. Stattdessen erwartet er lang anhaltende, kriegerische Konflikte entlang ethnischer und religiöser Bruchlinien - wie im Dreissigjährigen Krieg, der im 17. Jahrhundert Europa verwüstet hatte.

(Martin Suter/L'essentiel)

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